Vor 15 Jahren habe ich meinen ersten Rollstuhl beantragt, der mich über all die vielen Jahre treu und zuverlässig begleitet hat.

    Details dazu finden sich hier.

    Er war/ist faltbar (Traveler von pro-activ) und besitzt einen Greifreifenantrieb (M12 von Alber) mit wechselbaren Akkus.

    Leider ist der Antrieb schon seit Jahren aus der Ersatzteilversorgung herausgefallen und der Nachfolger (M15 von Alber) besitzt fest ins Rad eingebaute Akkus, die sich zum Aufladen nicht tauschen lassen. Eine Nachfrage bei Alber ergab leider, dass auch kein Greifreifenantrieb mit Wechsel-Akkus in der Entwicklung ist. Dieser Umstand machte es für mich unmöglich, auf diesen Nachfolgeantrieb umzusteigen.

    Da ich inzwischen wiederholt Ersatzteile (auf eigene Kosten) bei eBay ersteigern musste, blieb mir nichts anderes übrig, als mich nach einem komplett neuen Rollstuhl umzuschauen.

    Dass dieses “Projekt” 10 Monate brauchte, um komplett abgeschlossen zu sein, hätte ich Anfang Mai 2017 nicht für möglich gehalten. Gleich zu Beginn habe ich unser lokales Geschäft für Reha-Hilfen einbezogen.

    Mein geplanter Rollstuhl bestand wieder aus einer Basis, für den ich wieder an eine faltbaren Traveler dachte.

    Eine Schwachstelle für mich war bei meinem alten Rollstuhl inzwischen die mangelnde Unterstützung des Rückens. Eine Erhöhung der Bespannung war leider keine Lösung, da der Ladeboy für den Kofferraum unseres Autos keine größeren Außenmaße zulässt.

    Meine Lösung ist nun ein aufsteckbarer, stabiler Rücken J3 von Jay. Er kann vor dem Zusammenfalten und nachfolgender Verladung “relativ” einfach abgenommen werden und bietet damit eine höhere, feste Unterstützung des Rückens.

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Jay-J3-Montage-k

Jay-Rücken J3

Rückenschale von hinten

Schnellverschluss Jay-Rücken

    Damit wurde der Rollstuhl zwangsläufig eine Sonderanfertigung (auch wegen einer höherer und längeren Sitzfläche). Ein Vertriebsmitarbeiter von pro-activ hat die optimierte Sitzposition bei uns zuhause ausgemessen.

    Als Antrieb fiel die Wahl auf einen Servo L von AAT. Ihn hatte ich Ende 2016 zufällig im Internet gefunden und für “verwendbar” gehalten. Bei ihm gibt es einen gemeinsame Akku für beide Räder mit überragender Kapazität. Nachteilig ist allerdings sein Gewicht (4,2 kg) und dass er unter dem Rollstuhlsitz in einer eigenen Tasche untergebracht ist.

    Daher muss er bei jedem Zusammenfalten entnommen und später wieder eingesetzt werden. Außerdem entfällt dadurch die Möglichkeit, unter dem Sitz eine Tasche anzubringen.

    Natürlich habe ich eine Probefahrt mit dem Antrieb an einen Vorführ-Rollstuhl durchgeführt. Der Techniker von AAT war sehr entgegenkommend.

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Servo-L-Seitenansicht-k
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Kopplung Greifreifenantrieb

Servo L Seitenansicht Rad mit nach unten montierter Bremse

Akku und Bediengerät in Tasche unter dem Sitz

    Offen war lange auch die Auswahl eines “guten” Sitzkissens. Da ich ein Sondermaß brauche (50 x 40 x 10 cm³), war kein Testkissen verfügbar. Vorgeschlagen wurde mir ein Visco-Kissen, um einem Dekubitus vorzubeugen.

    Wir beschlossen, das Kissen erst endgültig auszumessen, wenn der Rollstuhl geliefert wird. Die endgültige Kissendicke ist für mich sehr kritisch, da ich eine genaue eng eingegrenzte Sitzhöhe für das Umsetzen zum Treppenlift benötige, aber jeder cm zuviel dazu führen würde, die Beine nicht mehr unter Esstische zu bekommen. Ich war mir außerdem nicht sicher, ob ich mit einer Visco-Lösung zurecht käme.

    Ende Juni waren alle erforderlichen Angebote verfügbar und ich kümmerte mich bei meinem Hausarzt um die Verordnungen. Diese gingen am 30.06.2017 an unser Sanitätshaus, damit mein Ansprechpartner dort den Rollstuhl bei meiner Krankenkasse zur Genehmigung einreichen konnten.

    Nun begann das lange Warten. Offensichtlich hat die Urlaubszeit zu Verzögerungen sowohl bei der Beantragung durch mein Sanitätshaus als auch der Genehmigung durch die Krankenkasse geführt. Erst am 30.08.2017 erhielt ich zwei getrennte Bewilligungen von der Krankenkasse - eine für den Basisrollstuhl inklusive Rücken und Sitzkissen und einen zweiten für den Greifreifenantrieb.

    Der Genehmigungsbetrag des Antriebs verunsicherte mich, war er doch deutlich geringer als der Kostenvoranschlag.

    Erst nach Tagen erfuhr ich vom Sanitätshaus, dass ein bereits benutzter M15 von Alber (Wiedereinsatz aus dem Hilfsmittelpool) genehmigt worden war. Ich war schockiert. Gerade dieser Antrieb kam ja für mich doch überhaupt nicht infrage.

    Das Sanitätshaus wollte bei meiner Krankenkasse keine Klärung vornehmen und ließe mich damit alleine. Also schrieb ich selbst einen Widerspruch an die Krankenkasse.

    Als ich nach 3 Wochen immer noch keine Antwort von meiner Krankenkasse erhalten hatte, versuchte ich eine telefonische Klärung. Es dauerte eine Woche, bis ich den zuständigen “Gutachter” erreichen konnte. Das Gespräch mit ihm war ernüchternd. Nicht wegen der Krankenkasse, sondern weil mir unterbreitet wurde, dass das Sanitätshaus überhaupt keinen Servo L beantragt hatte, sondern den genehmigten M15 aus dem Hilfsmittelpool.

    Die folgenden Telefonate mit dem für Hilfsmittel verantwortlichen Abteilungsleiter des Sanitätshauses waren anfangs sehr heftig, weil dieser anfangs darauf bestand, korrekt gehandelt zu haben. Erst gegen Ende des Gesprächs gestand er den Fehler ein, entschuldigte sich und versprach, einen geänderten Antrag an die Krankenkasse zu schicken.

    Auch dies geschah wieder verzögert und es dauerte weitere 2 Wochen, bis die geänderte Genehmigung vorlag. Nun endlich gingen die Bestellungen raus und es hieß wieder warten.

    Nikolaus 2017 wurde der Rollstuhl endlich geliefert, natürlich noch ohne Sitzkissen. Ich verwendete erst einmal ein durchgesessenes, zu kurzes Kissen vom alten Rollstuhl. Einige Detail des Rollstuhls stimmten immer noch nicht mit den Absprachen überein. Ich war es wieder, der sich deswegen mit den Technikern der Hersteller auseinandersetzen musste.

    Ein erstes Visco-Testkissen bekam ich am 30.01.2018 - in der richtigen Höhe und Breite, aber sehr kurz. Das war wieder eine unmöglich lange Wartezeit!

    Der Test verlief negativ. Ich schaffte es nur mit größter Kraftanstrengung, vom Rollstuhl in meinen Sessel bzw. auf den Sitz des Treppenlifts überzusetzen. Zu sehr sank ich im Kissen ein und ein leichtes Herüberrutschen war nicht einfach möglich.

    Daher bat ich das Sanitätshaus, wieder eine in der Größe angepasste PneumoKiss ArthroFit Sitzerhöhung bei Werkmeister anfertigen zu lassen. Sie besitzt eine abgerundete vordere Kante, was ein angenehmeres Sitzen ermöglicht. Sie wurde am 8.02.2018 bestellt und bereits am 15.02. geliefert. Applaus für die Sekretärin des Sanitätshauses und für Werkmeister! So schnell ging sonst nichts!

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PneumoKiss ArthroFit Sitzerhöhung

Ausführung bei meinem Rollstuhl

Abgeschrägte Vorderkante

    Am 21.02.2018 wurden endlich die letzten Umbauten am Rollstuhl durchgeführt.

    Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass der neue Rollstuhl und ich noch eine Weile brauchen werden, um ziemlich beste Freunde zu werden. Zu lange war ich auf Du und Du mit seinem Vorgänger.

    Einen Punkt habe ich noch nicht aufgelöst - den fehlenden Platz unter dem Sitz, in dem ich beim alten Rollstuhl eine kleine Tasche oder Ersatzakkus verstauen konnte. Wegen der enormen Reichweite des neuen Antriebs muss ein Ersatzakku nicht mit, aber eine Tasche wollte ich doch gerne nicht immer auf dem Schoß haben müssen.

    Zufällig fand ich im Internet das Quokka-System und bin seit 18.02. glücklicher Besitzer eines Quokka Vertical Bags. Das System ist einfach genial, hochwertig, praktisch und einfach zu handhaben.

    Am Rahmen des Rollstuhls wird ein Adapter angebracht, in den die Tasche mit ihrem Gegenstück eingeführt wird. Bei Bedarf kann nun “verriegelt” werden.

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Quokka Tasche am Rollstuhl

Quokka Adapter am Rohr befestigt

Gegenstück Adapter an Tasche

    Besonderheiten am Rollstuhl sind außerdem noch eine nach hinten klappbare Fußauflage, ein verbreiterter Kleiderschutz, die größere Sitzhöhe und die Sitztiefenerhöhung. Zusätzlich ist die Radaufnahme so gestaltet, dass die konventionellen Räder ebenfalls montiert werden können.

    Mein Rückenkissen (Systam) habe ich weiterhin in Gebrauch.

Vorteile des neuen Rollstuhls gegenüber dem alten:

    • Wesentlich (um ein Vielfaches) längere Laufzeit durch Li-Ion-Akku mit hoher Kapazität.
    • Ein Akku für beide Räder verhindert ungleichmäßigen Akkuverbrauch in beiden Rädern, der zB zu einseitig leerem Akku führen kann.
    • Mehrere Fahrprogramme per Bluetooth von App im Handy zum Antrieb übertragbar - und individuell konfigurierbar
    • Bessere Steigfähigkeit
    • Leichte unterschiedliche Kraftanpassung für beide Arme/Räder
    • Bessere Unterstützung des Rückens
    • Nach hinten (innen) klappbare Fußauflage, damit gelingt es häufig, besser an Tischen in Lokalen zu sitzen.

Schwächen des neuen Rollstuhls gegenüber dem alten:

    • Die Fahreigenschaften des Antriebs sind weniger gutmütig, ein Geradeauslauf auf schrägen Gehwegen und Straßen (Wasserablauf) ist schwerer zu halten.
    • Lage des Akkus macht Überwindung von Schwellen schwerer.
    • Der Antrieb benötigt nach Einschalten ca. 10 Sekunden zum “Booten”.
    • Die Verladung im Auto ist viel aufwendiger, da Rückenschale und Akku vor dem Zusammenfalten demontiert werden müssen - und nach dem Ausladen wieder angebracht werden müssen. Dies ist im Dunkeln (Einstecken des Rückens in Schnellverschluss) und bei niedrigen Temperaturen mühsam.
    • Die Montage des Kleiderschutzes des Basisrollstuhls ist unglücklich, so dass innenliegende Seitenplatten drücken können - sichtbar im Bild “Jay-Rücken J3”.

 

    Bei Fragen gebe ich gerne weitere Informationen zum Rollstuhl.